„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ So antwortet Jesus einem Gesetzeslehrer auf die Frage: „Welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“ Im Sonntagsevangelium bekommen wir eine Antwort: Für Jesus beginnt alles bei Gott. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Es gibt kein größeres Gebot als dieses. Genau genommen gibt uns Jesus mit dieser Antwort auf die Frage des Gesetzeslehrers kein Doppel-, sondern ein dreifaches Gebot zur Lebensregel. Damit beschreibt er die Grundausrichtung unseres Lebens: die Beziehung zu Gott, zu unseren Mitmenschen und zu und selbst. Sich selbst zu lieben ist dabei keineswegs als Ausdruck von Eigensucht zu verstehen, sondern als zutiefst christliche Grundhaltung. Denn zu anderen – sei es Gott oder sei es ein anderer Mensch – in Beziehung treten kann nur, wer sich selbst wahr- und annimmt. Wer sich dessen bewusst ist, wird bald erkennen, dass er sich selbst annehmen und bejahen kann, weil er spürt, unbedingt wertvoll zu sein und von Gott bedingungslos angenommen und geliebt zu werden. Aus dieser Erfahrung dürfen wir leben und lieben. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten häufig von Gegensätzen und zugespitzten Meinungen geprägt sind, stellt sich die Frage, wie wir miteinander umgehen wollen einmal mehr. Wie begegnen wir Menschen, die anders denken als wir? Wie gelingt Zuhören und sachlich diskutieren in vielfach aufgeheizten Atmosphären?
Wir müssen unseren Wert nicht behaupten und andere nicht abwerten, um selbst bestehen zu können. Vielmehr können wir uns von Gottes Liebe tragen lassen und daraus die Freiheit gewinnen, auch dem anderen mit Achtung und Barmherzigkeit zu begegnen.
Vielleicht liegt gerade hier eine besondere Herausforderung des Gebots Jesu. Wer sich selbst von Gott angenommen und geliebt weiß, muss andere nicht kleinmachen, um sich selbst groß zu fühlen. Wer aus dieser Liebe lebt, kann Widerspruch aushalten, andere Meinungen ernst nehmen und dem Gegenüber seine Würde lassen, auch wenn er dessen Überzeugungen nicht teilt. Nächstenliebe bedeutet schließlich nicht, immer einer Meinung zu sein. Sie zeigt sich vielmehr darin, wie wir miteinander umgehen, gerade dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.
Kommen Sie gut durch die Woche!
Karin Lücke
