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Katholische Pfarrei Heiliger Martin · Paderborn Schloß Neuhaus, Sande, Sennelager, Mastbruch · Impressum | Datenschutzerklärung 

Das Bild vom Hirten und seiner Herde, das uns im heutigen Johannesevangelium begegnet, gehört zu den ältesten religiösen Deutungsmustern menschlicher Gemeinschaft. Es ist tief in der biblischen Tradition verwurzelt und beschreibt zunächst ein Verhältnis der Fürsorge: Der Hirt kennt seine Tiere, führt sie zu Wasser und Weide, schützt sie vor Gefahren und übernimmt Verantwortung für ihr Leben. In dieser Bildwelt verdichtet sich die Hoffnung auf eine Ordnung, in der Leitung nicht Ausbeutung bedeutet, sondern Bewahrung und Sorge.

Zugleich trägt dieses Bild von Anfang an eine Spannung in sich. Denn es setzt ein Gefälle voraus: einen, der führt, und viele, die folgen. Wo ein Mensch oder eine Instanz beansprucht, den rechten Weg für alle zu kennen, kann aus Fürsorge leicht Bevormundung werden. Die Geschichte Israels spiegelt diese Ambivalenz deutlich wider. Der Wunsch nach einem König „wie die anderen Völker“ wird in den biblischen Texten nicht ungebrochen bejaht, sondern von warnenden Stimmen begleitet. Die Propheten erinnern daran, dass menschliche Herrschaft stets gefährdet ist, sich von ihrem eigentlichen Auftrag zu entfernen.

Besonders scharf werden dabei jene „Hirten“ kritisiert, die nicht dem Wohl der ihnen Anvertrauten dienen, sondern vielmehr ihren eigenen Interessen folgen. Gegen solche Formen von Leitung setzen sie das Ideal eines gerechten Hirten, der sich an Gottes Maßstäben orientiert: an Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Damit wird das Hirtenbild selbst zum Kriterium, an dem sich Führung messen lassen muss – nicht an Macht, Erfolg oder Selbstgewissheit, sondern an der Frage, ob sie Leben schützt und fördert.

Vielleicht liegt die bleibende Kraft dieses Bildes gerade darin, dass es uns nicht nur über „die anderen“ nachdenken lässt – über Hirten und Verantwortungsträger –, sondern auch über uns selbst. Denn wir alle bewegen uns in diesen Rollen: manchmal suchend und angewiesen, manchmal führend und verantwortlich. Das Hirtenbild lädt uns ein, wachsam zu bleiben gegenüber Macht – und zugleich bereit, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Ihre Karin Lücke, Pastoralreferentin

Karin Lücke, Pastoralreferentin
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